Ich möchte als erstes meine Gefühlswelt ein wenig beschreiben, soweit man das
für sich selber kann. ich bin eine *normale Frau, vielleicht nicht immer der Norm
entsprechend, aber jedenfalls mit normalen Empfindungen, Interessen,, nicht weiter
auffällig, freundlich, manchmal sehr emotional, ich mag Zärtlichkeiten, ich
mag küssen, ich mag Sex sehr gerne, ich höre gerne zu, freue mich, wenn mir mal
jemand zuhört, ich versuche Verständnis zu haben, ich empfinde Mitleid und kann
auch trösten, eben all die Dinge wo sich die Leute jetzt fragen warum ich etwas so
Banales und Normales erwähne, ja, das hat seinen Sinn, damit man versteht was
für ein unglaublicher Kraftakt das für einen *normal fühlenden, *normal
funktionierendem Menschen ist einen Autisten zu lieben, denn man ist auf sich
alleine gestellt, denn ein Autist kann mein Gefühlsleben und meine Gedankengänge
nicht verstehen und die *normalen Menschen verstehen nicht wieso ich jemanden
lieben kann, der mich so offensichtlich wohl nicht lieben könne, aber Liebe schaut
nicht auf die negativen, oder positiven Besonderheiten eines Menschen, es passiert
einfach und man weiß nicht wirklich warum.
*Zur Erklärung: das Wort normal soll nur den Unterschied zwischen Autismus und
Nichtautismus verdeutlichen, es ist keine Wertung, oder Herabstufung eines Menschen
mit Autismus.
Ich kann nicht vom Autismus selbst berichten, ich kenne sonst niemanden
der diese Störung hat. ich kann nur von meinem Freund berichten, wie sich
eine Beziehung mit ihm gestaltet, er und ich nennen es Beziehung weil es das
für uns ist, aber für andere Menschen ist es völlig unverständlich wie man das
Beziehung nennen kann und niemand würde mit mir tauschen wollen. Für mich
war es Liebe auf den ersten Blick, wir hatten uns schon ein paar Monate geschrieben
und telefoniert, wir lernten uns online kennen, die Umstände die dazu führten
tun hier aber nichts zur Sache, für mich war es erst nur ein Spiel, aber für ihn war
es ernst, er hatte auch keine andere Möglichkeit jemanden kennenzulernen,
was recht typisch ist, denn ein Autist wie Robert könnte nie eine Frau ansprechen.
Wir verstanden uns, hatten die gleichen Vorstellungen wie alle anderen Paare auch.
Alles schien ganz easy, ganz cool und so beschlossen wir, daß ich Robert Anfang
August 2008 in Frankfurt/Main besuche, er lebte und arbeitete dort, er war 25 jahre
alt und ich schon 50 Jahre alt, aber es störte uns nicht, nur mein Umfeld dachte
am Anfang, daß Robert eventuell pervers wäre, aber das wurde schnell widerlegt.
Er war sehr glücklich darüber jetzt mich zu haben, denn er fühlte sich recht einsam,
obwohl die Leute auf seiner Arbeit ein verrückter Haufen war, die viele Feten
feierten und Robert versuchte oft dabei zu sein, obwohl sowas garnicht sein
Ding ist. Ansonsten gab es da nur seine Eltern zu denen er alle 14 Tage am
Wochenende hinfuhr um Wäsche zu waschen.
Robert war froh mich zu haben und freute sich auf meinen Besuch.
er wohnte in einer 1 Zimmer Altbauwohnung, mit einem winzigen Bad und
einer noch kleineren Küche. ich konnte ihn kaum angucken, er sah so toll
aus, ich war sofort verliebt in ihn, aber trotzdem war dieses Wochenende eine
kleine Katastrophe, Robert plapperte wie ihm der Schnabel gewachsen war
und wirkte etwas ungehobelt. wir hatten einen kurzen smalltalk, der dann
überging in den Versuch sich näher zu kommen, denn viel zeit blieb ja nicht,
denn es war Freitag Abend und am Montag Morgen musste ich ja wieder
zurück nach Berlin fliegen. der erste Versuch hätte zwar technisch weiter
geführt werden können, aber die Konzentration fehlte ihm um auch Spass
dabei zu haben, so beendeten wir die "Sache" erstmal. Ein Kondom ist,
nebenbei bemerkt, für ihn Pflicht, ohne geht garnicht.
nun gut, da ich ja eh nicht schlafen konnte in dieser Nacht, dachte ich
über all unsere schönen Gespräche nach, all unsere liebevollen smsen
und mails, den Telefonsex und all die viele Zeit die wir bei sky und am
Telefon miteinander verbrachten, ich durfte ihm mit seiner webcam zusehen
wie er mit dem Flugsimulator flog, er rief mich sogar Nachts an, nur weil er
mich vermißte, wir lachten so viel zusammen, alles war so normal und ich fing
an zu weinen, denn ich war mir sicher, dass das nun alles vorbei sein würde, Robert
wachte auf und fragte mich warum ich weine und anstatt irgendetwas zu sagen,
weinte auch er, wir wußten beide, dass es nun vorbei sein würde, aber wir
hatten beide unrecht. Damals ahnte ich noch nicht im Mindesten, dass dieses
Wochenende ja noch harmlos war, aber eine tiefe Traurigkeit in mir auslöste und
schon da wollte ich ihn eigentlich nie wiedersehen, nie wieder was von ihm hören,
ich war maßlos enttäuscht, ich dachte, das wird sowieso nichts, wir können
wohl nichts miteinander anfangen bzw er nicht mit mir, ich hatte da nicht
solche Probleme, doch es müssen beide das gleiche wollen. der Flieger mit mir
landete in Berlin Tegel und ich dachte nun, dass es das gewesen wäre, aber knapp
war ich ausgecheckt, da rief er mich schon an und fragte wie es mir geht und klang
so lieb wie all die Monate davor, bevor ich ihn besuchte. Wir näherten uns langsam
wieder an und ich war recht bald rettungslos verloren, ich liebte ihn wie verrückt und
und wollte nie wieder von ihm lassen. so sollte es sein und ich bin seitdem
durch einige schöne Zeiten gegangen und durch viele schwere Zeiten. ich
habe bis jetzt gebraucht um annähernd erfassen zu können warum er sich
so verhält und nicht anders. Im Laufe der Jahre sind seine lieben Gesten,
Worte, Geschenke und Besuche immer weniger geworden, ich habe das
immer missinterpretiert, ich habe gedacht, dass er mich nicht mehr lieb
hat, denn ich konnte nicht verstehen warum er keine Sehnsucht entwickelt,
während ich vor Liebeskummer ganze Ozeane geweint habe, ich habe ihm
so viele Mails geschickt, alle mit dem selben Thema und alle blieben un-
beantwortet, was mich noch verzweifelter werden liess, während er sich
keinen Kopf um meine Worte machte, er konnte gefühlsmässig garnicht
begreifen was ich da wollte, für ihn war alles sehr einfach, jeder lebt sein
Leben weiter, wir telefonieren miteinander, wichtige Sachen erzählt man
sich und ansonsten weiß ja jeder, daß der andere da ist. Für ihn besteht
Beziehung nicht aus viel reden und viel Nähe und Zärtlichkeit und auch
nicht aus endlosen Diskussionen und Streits. sich mit einem Autisten zu
streiten ist fast unmöglich, denn er wird sich niemals unflätig und laut
mit einem streiten, er hasst alles Laute, kriegt schnell einen Tinnitus,
ist deshalb auch nie in Diskos, oder zu Konzerten gegangen.
Nachdem wir uns 5 Jahre kannten zog er nach Hannover wegen einer
neuen Arbeit. seitdem er nun in Hannover ist, geht unsere Beziehung
immer weiter bergab. Sein Verhalten ist so schwer nachzuvollziehen,
er reagiert nur, wenn er in der Stimmung dazu ist, aber meistens
reagiert er auf nichts, je nachdem wie es für ihn richtig erscheint.
er ist kein guter zuhörer, seine Konzentration läßt rapide nach und
nach ein paar Minuten driftet er ab und macht andere Sachen. Leider
kommt er auch von alleine niemals darauf mir zu sagen, daß er mich
lieb hat , aber er kann ja nichts ändern, denn in seinen Augen gibt es
keinen Grund für eine Veränderung. Wir sind uns treu und das ist das
Wichtigste. Leider sind wir uns so dermassen treu, daß auch der Sex
nicht mehr praktiziert wird, denn er mag den Körperkontakt nicht
wirklich, für ihn fühlt es sich an, als würde man ihn sehr massiv
kitzeln, wenn wir Sex hatten war er ein toller Liebhaber Wer aber von
ihm das Küssen verlangt, ein Vorspiel, oder Nachspiel, der hat Pech gehabt.
er würde nie eine Frau oral befriedigen, auch nicht intim berühren.
Es war schon schwierig genug in dazu zu bringen sich auf den Geschlechts-
akt einzulassen, ohne Nebengedanken und da klappte dann auch der
Höhepunkt. er mag es halt nicht die Kontrolle über sich zu verlieren,
auch wenn es nur für einen kleinen Augenblick wäre
und das war dann letztendlich auch der Grund weshalb es keinen Sex mehr
gab, auch keinen Telefonsex, den wir öfter praktiziert hatten. Da er mich so
gut wie garnicht mehr besucht, kommt auch das Thema Sex nicht mehr auf,
er findet, dass die "Sache" überbewertet wird, es gibt viel wichtigere Dinge
die man machen könne, leider macht er mit mir garnichts mehr, auch kaum reden.
Es hat wirklich bis Vorgestern gedauert, bis ich begriff, dass er mich garnicht
verstehen kann, weil das garnicht in seinen Genen verankert ist, er kann sowas
auch nicht erlernen, während ich schon die Fähigkeit besitze um begreifen zu
können, dass er sich umgekehrt nicht in mich hineinversetzen kann.
natürlich habe ich nicht plötzlich die Erleuchtung bekommen, es hat mich
unendlich viel Kraft, Leid, Tränen, schlaflose Nächte, Zweifel an ihm und
Selbstzweifel gekostet. immer wieder musste ich mich rechtfertigen wie ich
das aushalten kann so einen Mann zu lieben. ich kann nur eines dazu sagen,
es war Liebe auf den ersten Blick, er ist und bleibt für mich der schönste Mann
der Welt und trotz aller Schwierigkeiten, der Mann meines Lebens, ich habe
nie tiefer empfunden wie für ihn, auch nach fast 17 Jahren habe ich noch
bauchkribbeln, wenn ich an ihn denke. eins kann mir niemand nehmen,
ich war die erste Frau in seinem Leben und vielleicht auch die Einzige.
letztendlich werde ich ihn nie vollständig verstehen können, es ist eine
Lebensaufgabe und hat mich all meine Kraft gekostet, ich wurde sehr krank,
habe Polyneuropathie in einem fortgeschrittenem Stadium, aber das kümmert
ihn nicht allzu sehr, er hat einfach nicht die Fähigkeit zumindestens so zu
tun, als würde er sich Sorgen machen, aber Autisten können einfach nicht
lügen, ich liebe ihn wirklich aufrichtig, sonst wäre ich längst nicht mehr
bei ihm, denn das kann man nur mit großer Liebe ertragen und selbst
dann frage ich mich ob es das alles wert war, ja, er ist es mir wert.
Natürlich ist man nicht jeden Tag gleich verständnisvoll, die Zweifel bleiben,
jedesmal, wenn ich draußen, oder im Fernsehen ein küssendes Pärchen
sehe, dann ziehen sich meine Eingeweide zusammen, mir wird dann
der Verzicht bewußt, ich mußte und muß auf die schönsten Dinge zwischen
Mann und Frau verzichten und bekomme nichts als Ersatz, sondern werde
alleine gelassen und das ist unglaublich demütigend, natürlich sagt mir
mein Verstand, daß er mich nicht demütigen will, er will mir nie Böses,
und dennoch fehlt mir mein Herr Maus, einfach nur den Kopf an seine
Schulter anzulehnen, und ab und zu, wie früher, gibt es ein kleines
Küßchen auf die Lippen. das ist am Schlimmsten und man sollte es
tunlichst vermeiden sich an Vergangenem hochzuziehen, denn das
Vergangene ist vorbei und kommt niemals wieder. es wird schwer
werden, wahrscheinlich auch beim Sterben auf ihn verzichten zu müssen,
obwohl er mir versprochen hatte dann meine Hand zu halten, wenn ich
diese Welt verlasse, aber er hat mir schon sooo viel versprochen und
nichts gehalten, wieso sollte ich ihm dann glauben, daß er kommt,
wenn ich im sterben liege?!
Ich werde ja lange vor ihm sterben und das macht mich traurig, denn
ich weiß nicht wie er damit umgehen wird, aber sicherlich wird er zu
seinem Alltag zurückkehren und sein Leben weiter so leben wie er es immer
getan hat, ob mit, oder ohne mich.
Fazit: wenn man einen Autisten liebt mit dieser Form des Autismus, dann
sollte man sich in die Materie einlesen, sobald man merkt, dass etwas nicht
stimmt, ich habe mich viel zu spät damit befasst, aber auch wenn man
sich viel informiert, es bleibt ein schwieriges Leben, denn einen Autisten
kriegt man nicht "umerzogen", er ist ja in seinen Augen normal und es
besteht für ihn keine Notwendigkeit etwas zu ändern, es ergibt für ihn
keinen Sinn, nur der sozusagen "Normale" kann etwas tun, sich damit
abfinden, dass es im schlimmsten Fall, so wie bei mir, ein Vollverzicht
für immer sein wird, klar Robert wird mich nie verlassen, aber er wird
auch nie richtig bei mir sein und dessen sollte man sich bewußt sein,
auch ich werde ihn niemals verlassen und stehe ihm sicherlich näher,
als ich es mir vorstellen kann.. man sollte auch niemals erwarten mit
einem Autisten über Gefühle philosophieren zu können, für ihn ist seine
Gefühlswelt ganz klar und einfach und bedarf keiner Diskussion. Wir Frauen
hinterfragen ja alles und komplizieren einfache Dinge, können gute
Ausreden erfinden und auch lügen, wenn es die Situation erfordert, aber
ein Autist denkt nicht um Ecken, er ist geradeheraus, ausserdem kann
er sich ja kaum auf einen Menschen konzentrieren, aber auf zwei
Menschen parallel ist ausgeschlossen, das gibt sein Gefühlsspektrum
nicht her. Ich bin oft zutiefst verzweifelt und es ist dann sinnlos ihm davon
etwas erzählen zu wollen, da er mein Problem nicht erkennen kann und
da wird mir bewußt, natürlich nicht nur dann, daß ich im Grunde genommen
alleine bin, ohne Partner, denn Hilfe, oder einen Ratschlag kann ich von ihm
nicht erwarten. Ich wollte mich schon so oft von ihm trennen, denn es ist
unglaublich anstrengend das alles auszuhalten und niemals für diese Treue
auch nur ein liebes Wort zu bekommen, nie ein Dankeschön, nie Freude
gezeigt zu bekommen, daß es mich gibt und ich immer für ihn da bin,
Tag und Nacht. Klar respektiere ich seinen Freiraum, sein Hobby, eigentlich
alles was ihn betrifft, aber dennoch kommt nie etwas wirklich Anerkennendes
von ihm, was früher nicht so war, nun bekomme ich zu bestimmten Anlässen
keine Karte mehr, keinen Blumenstrauß, kein Geschenk, keine kleine
Aufmerksamkeit, keine lieben Mails, oder Smsen, nicht mal zum Geburtstag.
Mir tut das alles so gewaltig weh, aber es wird nie mehr anders werden. Warum
liebe ich diesen Kerl bloß immer noch mit jeder Faser meines Herzens? Ich halte
an etwas fest was einmal war, aber schon lange nicht mehr ist, warum????
Er selber will mich ja auch behalten, warum und wozu weiß nur er alleine,
aber vielleicht weiß er auch nicht warum und ich werde darauf auch nie eine
Antwort bekommen.....


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