Montag, 1. Juli 2024

Eine Beziehung mit einem Autisten, eine Lebensaufgabe voller Entbehrungen, Tränen und Verzweiflung










Meine subjektive Sicht auf die Dinge, denn da ich ein Teil von dieser Geschichte
bin, kann ich nicht vollständig objektiv berichten, aber ich versuche es trotzdem so 
emotionslos wie möglich zu schreiben um ein klareres Bild abgeben zu können
was nicht nur auf meinem Gefühlsleben aufbaut.


Ich möchte als erstes meine Gefühlswelt ein wenig beschreiben, soweit man das

für sich selber kann. ich bin eine *normale Frau, vielleicht nicht immer der Norm

entsprechend, aber jedenfalls mit normalen Empfindungen, Interessen,, nicht weiter

auffällig, freundlich, manchmal sehr emotional, ich mag Zärtlichkeiten, ich

mag küssen, ich mag Sex sehr gerne, ich höre gerne zu, freue mich, wenn mir mal

jemand zuhört, ich versuche Verständnis zu haben, ich empfinde Mitleid und kann

auch trösten, eben all die Dinge wo sich die Leute jetzt fragen warum ich etwas so

Banales und Normales erwähne, ja, das hat seinen Sinn, damit man versteht was

für ein unglaublicher Kraftakt das für einen *normal fühlenden, *normal

funktionierendem Menschen ist einen Autisten zu lieben, denn man ist auf sich

alleine gestellt, denn ein Autist kann mein Gefühlsleben und meine Gedankengänge

nicht verstehen und die *normalen Menschen verstehen nicht wieso ich jemanden

lieben kann, der mich so offensichtlich wohl nicht lieben könne, aber Liebe schaut

nicht auf die negativen, oder positiven Besonderheiten eines Menschen, es passiert

einfach und man weiß nicht wirklich warum. 

*Zur Erklärung: das Wort normal soll nur den Unterschied zwischen Autismus und

Nichtautismus verdeutlichen, es ist keine Wertung, oder Herabstufung eines Menschen

mit Autismus.

Ich kann nicht vom Autismus selbst berichten, ich kenne sonst niemanden

der diese Störung hat. ich kann nur von meinem Freund berichten, wie sich

eine Beziehung mit ihm gestaltet, er und ich nennen es Beziehung weil es das

für uns ist, aber für andere Menschen ist es völlig unverständlich wie man das

Beziehung nennen kann und niemand würde mit mir tauschen wollen. Für mich

war es Liebe auf den ersten Blick, wir hatten uns schon ein paar Monate geschrieben

und telefoniert, wir lernten uns online kennen, die Umstände die dazu führten

 tun hier aber nichts zur Sache, für mich war es erst nur ein Spiel, aber für ihn war

es ernst, er hatte auch keine andere Möglichkeit jemanden kennenzulernen, 

was recht typisch ist, denn ein Autist wie Robert könnte nie eine Frau ansprechen.

Wir verstanden uns, hatten die gleichen Vorstellungen wie alle anderen Paare auch.

Alles schien ganz easy, ganz cool und so beschlossen wir, daß ich Robert Anfang

August 2008 in Frankfurt/Main besuche, er lebte und arbeitete dort, er war 25 jahre

alt und ich schon 50 Jahre alt, aber es störte uns nicht, nur mein Umfeld dachte 

am Anfang, daß Robert eventuell pervers wäre, aber das wurde schnell widerlegt.

Er war sehr glücklich darüber jetzt mich zu haben, denn er fühlte sich recht einsam,

obwohl die Leute auf seiner Arbeit ein verrückter Haufen war, die viele Feten

feierten und Robert versuchte oft dabei zu sein, obwohl sowas garnicht sein 

Ding ist. Ansonsten gab es da nur seine Eltern zu denen er alle 14 Tage am 

Wochenende hinfuhr um Wäsche zu waschen.

Robert war froh mich zu haben und freute sich auf meinen Besuch.

er wohnte in einer 1 Zimmer Altbauwohnung, mit einem winzigen Bad und

einer noch kleineren Küche. ich konnte ihn kaum angucken, er sah so toll

aus, ich war sofort verliebt in ihn, aber trotzdem war dieses Wochenende eine

kleine Katastrophe, Robert plapperte wie ihm der Schnabel gewachsen war

und wirkte etwas ungehobelt. wir hatten einen kurzen smalltalk, der dann

überging in den Versuch sich näher zu kommen, denn viel zeit blieb ja nicht,

denn es war Freitag Abend und am Montag Morgen musste ich ja wieder 

zurück nach Berlin fliegen. der erste Versuch hätte zwar technisch weiter 

geführt werden können, aber die Konzentration fehlte ihm um auch Spass

dabei zu haben, so beendeten wir die "Sache" erstmal. Ein Kondom ist,

nebenbei bemerkt, für ihn Pflicht, ohne geht garnicht.

nun gut, da ich ja eh nicht schlafen konnte in dieser Nacht, dachte ich 

über all unsere schönen Gespräche nach, all unsere liebevollen smsen

und mails, den Telefonsex und all die viele Zeit die wir bei sky und am

Telefon miteinander verbrachten, ich durfte ihm mit seiner webcam zusehen

wie er mit dem Flugsimulator flog, er rief mich sogar Nachts an, nur weil er

mich vermißte, wir lachten so viel zusammen, alles war so normal und ich fing 

an zu weinen, denn ich war mir sicher, dass das nun alles vorbei sein würde, Robert

wachte auf und fragte mich warum ich weine und anstatt irgendetwas zu sagen,

weinte auch er, wir wußten beide, dass es nun vorbei sein würde, aber wir

hatten beide unrecht. Damals ahnte ich noch nicht im Mindesten, dass dieses

Wochenende ja noch harmlos war, aber eine tiefe Traurigkeit in mir auslöste und 

schon da wollte ich ihn eigentlich nie wiedersehen, nie wieder was von ihm hören,

ich war maßlos enttäuscht, ich dachte, das wird sowieso nichts, wir können

wohl nichts miteinander anfangen bzw er nicht mit mir, ich hatte da nicht

solche Probleme, doch es müssen beide das gleiche wollen. der Flieger mit mir 

landete in Berlin Tegel und ich dachte nun, dass es das gewesen wäre, aber knapp 

war ich ausgecheckt, da rief er mich schon an und fragte wie es mir geht und klang

so lieb wie all die Monate davor, bevor ich ihn besuchte. Wir näherten uns langsam

wieder an und ich war recht bald rettungslos verloren, ich liebte ihn wie verrückt und 

und wollte nie wieder von ihm lassen. so sollte es sein und ich bin seitdem

durch einige schöne Zeiten gegangen und durch viele schwere Zeiten. ich

habe bis jetzt gebraucht um annähernd erfassen zu können warum er sich

so verhält und nicht anders. Im Laufe der Jahre sind seine lieben Gesten,

Worte, Geschenke und Besuche immer weniger geworden, ich habe das

immer missinterpretiert, ich habe gedacht, dass er mich nicht mehr lieb

hat, denn ich konnte nicht verstehen warum er keine Sehnsucht entwickelt,

während ich vor Liebeskummer ganze Ozeane geweint habe, ich habe ihm

so viele Mails geschickt, alle mit dem selben Thema und alle blieben un-

beantwortet, was mich noch verzweifelter werden liess, während er sich

keinen Kopf um meine Worte machte, er konnte gefühlsmässig garnicht

begreifen was ich da wollte, für ihn war alles sehr einfach, jeder lebt sein

Leben weiter, wir telefonieren miteinander, wichtige Sachen erzählt man

sich und ansonsten weiß ja jeder, daß der andere da ist. Für ihn besteht

Beziehung nicht aus viel reden und viel Nähe und Zärtlichkeit und auch

nicht aus endlosen Diskussionen und Streits. sich mit einem Autisten zu

streiten ist fast unmöglich, denn er wird sich niemals unflätig und laut

mit einem streiten, er hasst alles Laute, kriegt schnell einen Tinnitus,

ist deshalb auch nie in Diskos, oder zu Konzerten gegangen.

Nachdem wir uns 5 Jahre kannten zog er nach Hannover wegen einer

neuen Arbeit. seitdem er nun in Hannover ist, geht unsere Beziehung 

immer weiter bergab. Sein Verhalten ist so schwer nachzuvollziehen,

er reagiert nur, wenn er in der Stimmung dazu ist, aber meistens

reagiert er auf nichts, je nachdem wie es für ihn richtig erscheint.

er ist kein guter zuhörer, seine Konzentration läßt rapide nach und 

nach ein paar Minuten driftet er ab und macht andere Sachen. Leider

 kommt er auch von alleine niemals darauf mir zu sagen, daß er mich

 lieb hat , aber  er kann ja nichts ändern, denn in seinen Augen gibt es 

keinen Grund für eine Veränderung. Wir sind uns treu und das ist das

Wichtigste. Leider sind wir uns so dermassen treu, daß auch der Sex

nicht mehr praktiziert wird, denn er mag den Körperkontakt nicht

 wirklich, für ihn fühlt es sich an, als würde man ihn sehr massiv

kitzeln, wenn wir Sex hatten war er ein toller Liebhaber Wer aber von

 ihm das Küssen verlangt, ein Vorspiel, oder Nachspiel, der hat Pech gehabt.

er würde nie eine Frau oral befriedigen, auch nicht intim berühren.

Es war schon schwierig genug in dazu zu bringen sich auf den Geschlechts-

akt einzulassen, ohne Nebengedanken und da klappte dann auch der 

Höhepunkt. er mag es halt nicht die Kontrolle über sich zu verlieren,

auch wenn es nur für einen kleinen Augenblick wäre

und das war dann letztendlich auch der Grund weshalb es keinen Sex mehr 

gab, auch keinen Telefonsex, den wir öfter praktiziert hatten. Da er mich so

gut wie garnicht mehr besucht, kommt auch das Thema Sex nicht mehr auf,

er findet, dass die "Sache" überbewertet wird, es gibt viel wichtigere Dinge

die man machen könne, leider macht er mit mir garnichts mehr, auch kaum reden.

Es hat wirklich bis Vorgestern gedauert, bis ich begriff, dass er mich garnicht

verstehen kann, weil das garnicht in seinen Genen verankert ist, er kann sowas

auch nicht erlernen, während ich schon die Fähigkeit besitze um begreifen zu

können, dass er sich umgekehrt nicht in mich hineinversetzen kann.

natürlich habe ich nicht plötzlich die Erleuchtung bekommen, es hat mich

unendlich viel Kraft, Leid, Tränen, schlaflose Nächte, Zweifel an ihm und 

Selbstzweifel gekostet. immer wieder musste ich mich rechtfertigen wie ich

das aushalten kann so einen Mann zu lieben. ich kann nur eines dazu sagen, 

es war Liebe auf den ersten Blick, er ist und bleibt für mich der schönste Mann

der Welt und trotz aller Schwierigkeiten, der Mann meines Lebens, ich habe

nie tiefer empfunden wie für ihn, auch nach fast 17 Jahren habe ich noch

bauchkribbeln, wenn ich an ihn denke. eins kann mir niemand nehmen,

ich war die erste Frau in seinem Leben und vielleicht auch die Einzige.

letztendlich werde ich ihn nie vollständig verstehen können,  es ist eine

Lebensaufgabe und hat mich all meine Kraft gekostet, ich wurde sehr krank,

habe Polyneuropathie in einem fortgeschrittenem Stadium, aber das kümmert

ihn nicht allzu sehr, er hat einfach nicht die Fähigkeit zumindestens so zu

tun, als würde er sich Sorgen machen, aber Autisten können einfach nicht 

lügen, ich liebe ihn wirklich aufrichtig, sonst wäre ich längst nicht mehr 

bei ihm, denn das kann man nur mit großer Liebe ertragen und selbst

dann frage ich mich ob es das alles wert war, ja, er ist es mir wert.

Natürlich ist man nicht jeden Tag gleich verständnisvoll, die Zweifel bleiben,

jedesmal, wenn ich draußen, oder im Fernsehen ein küssendes Pärchen

sehe, dann ziehen sich meine Eingeweide zusammen, mir wird dann

der Verzicht bewußt, ich mußte und muß auf die schönsten Dinge zwischen

Mann und Frau verzichten und bekomme nichts als Ersatz, sondern werde

alleine gelassen und das ist unglaublich demütigend, natürlich sagt mir 

mein Verstand, daß er mich nicht demütigen will, er will mir nie Böses,

und dennoch fehlt mir mein Herr Maus, einfach nur den Kopf an seine

Schulter anzulehnen, und ab und zu, wie früher, gibt es ein kleines

Küßchen auf die Lippen. das ist am Schlimmsten und man sollte es 

tunlichst vermeiden sich an Vergangenem hochzuziehen, denn das

Vergangene ist vorbei und kommt niemals wieder. es  wird schwer

werden, wahrscheinlich auch beim Sterben auf ihn verzichten zu müssen,

obwohl er mir versprochen hatte dann meine Hand zu halten, wenn ich

diese Welt verlasse, aber er hat mir schon sooo viel versprochen und 

nichts gehalten, wieso sollte ich ihm dann glauben, daß er kommt, 

wenn ich im sterben liege?!

Ich werde ja lange vor ihm sterben und das macht mich traurig, denn

ich weiß nicht wie er damit umgehen wird, aber sicherlich wird er zu

seinem Alltag zurückkehren und sein Leben weiter so leben wie er es immer

getan hat, ob mit, oder ohne mich.

Fazit: wenn man einen Autisten liebt mit dieser Form des Autismus, dann

sollte man sich in die Materie einlesen, sobald man merkt, dass etwas nicht 

stimmt, ich habe mich viel zu spät damit befasst, aber auch wenn man

sich viel informiert, es bleibt ein schwieriges Leben, denn einen Autisten

kriegt man nicht "umerzogen", er ist ja in seinen Augen normal und es 

besteht für ihn keine Notwendigkeit etwas zu ändern, es ergibt für ihn

keinen Sinn, nur der sozusagen "Normale" kann etwas tun, sich damit 

abfinden, dass es im schlimmsten Fall, so wie bei mir, ein Vollverzicht

für immer sein wird, klar Robert wird mich nie verlassen, aber er wird 

auch nie richtig bei mir sein und dessen sollte man sich bewußt sein,

auch ich werde ihn niemals verlassen und stehe ihm sicherlich näher,

als ich es mir vorstellen kann.. man sollte auch niemals erwarten mit

einem Autisten über Gefühle philosophieren zu können, für ihn ist seine

Gefühlswelt ganz klar und einfach und bedarf keiner Diskussion. Wir Frauen

hinterfragen ja alles und komplizieren einfache Dinge, können gute 

Ausreden erfinden und auch lügen, wenn es die Situation erfordert, aber

ein Autist denkt nicht um Ecken, er ist geradeheraus, ausserdem kann

er sich ja kaum auf einen Menschen konzentrieren, aber auf zwei

Menschen parallel ist ausgeschlossen, das gibt sein Gefühlsspektrum

nicht her. Ich bin oft zutiefst verzweifelt und es ist dann sinnlos ihm davon

etwas erzählen zu wollen, da er mein Problem nicht erkennen kann und

da wird mir bewußt, natürlich nicht nur dann, daß ich im Grunde genommen

alleine bin, ohne Partner, denn Hilfe, oder einen Ratschlag kann ich von ihm 

 nicht erwarten. Ich wollte mich schon so oft von ihm trennen, denn es ist

unglaublich anstrengend das alles auszuhalten und niemals für diese Treue

auch nur ein liebes Wort zu bekommen, nie ein Dankeschön, nie Freude

gezeigt zu bekommen, daß es mich gibt und ich immer für ihn da bin,

Tag und Nacht. Klar respektiere ich seinen Freiraum, sein Hobby, eigentlich

alles was ihn betrifft, aber dennoch kommt nie etwas wirklich Anerkennendes

von ihm, was früher nicht so war, nun bekomme ich zu bestimmten Anlässen

keine Karte mehr, keinen Blumenstrauß, kein Geschenk, keine kleine 

Aufmerksamkeit, keine lieben Mails, oder Smsen, nicht mal zum Geburtstag.

Mir tut das alles so gewaltig weh, aber es wird nie mehr anders werden. Warum

liebe ich diesen Kerl bloß immer noch mit jeder Faser meines Herzens? Ich halte

an etwas fest was einmal war, aber schon lange nicht mehr ist, warum????

Er selber will mich ja auch behalten, warum und wozu weiß nur er alleine,

aber vielleicht weiß er auch nicht warum und ich werde darauf auch nie eine

Antwort bekommen.....







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